Arbeitskreis Interkulturelle Philosophie: Habermas zu Lebenswelten und interkultureller Vernunft (begleitend zur Vorlesung von Prof. Mall)

Der Arbeitskreis schließt an die schon seit mehreren Semestern geführte Diskussion zu interkulturellem Verstehen, Weltbezug und der Rolle einer interkulturellen philosophischen Perspektive an, deren Kenntnis jedoch nicht vorausgesetzt wird. Im Mittelpunkt dieses Semesters stehen Habermas' Darlegungen zur Möglichkeit einer interkulturellen Vernunft. Wir werden detailliert untersuchen, inwieweit nicht nur Sprache, sondern auch Rationalität und Vernunft lebensweltlich und kulturell konstituiert werden. Mit dieser Kontextrelativität zeigt sich nicht nur die Notwendigkeit, interkulturelles Verstehen über den Verweis auf Gemeinsamkeiten hinaus zu erklären. In Frage steht auch die Möglichkeit einer interkulturellen Rationalität und Vernunft.

Eine affirmative Antwort gibt Habermas in seinem Aufsatz ›Die Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen‹, der unseren Ausgangspunkt bietet. Habermas schließt dort einerseits an die klassische Frage nach dem Verhältnis von Einheit und Vielheit an, anderseits an aktuelle Überlegungen zur Philosophie. Mit Rortywendet er sich gegen universale Wahrheitsansprüche. Deren Zurückweisung muss keinen performativen Selbstwiderspruch darstellen, sofern sie nicht selbst als absolute Wahrheit behauptet wird und somit einfach nur die traditionelle Metaphysik durch eine negative ersetzen würde. Muss man aber wie Rorty bei einem »Ethnozentrismus« stehen bleiben, der das Fremde lediglich zu einem Beiwerk des Eigenen macht? Dagegen argumentiert Habermas mit Putnam und McCarthy, im interkulturellen Verstehen bestehe zwischen den aufeinander prallenden Rationalitätsstandarts eine symmetrische Beziehung. Inwiefern aber können mit der regulativen Idee einer »freien reziproken Anerkennung« die lebensweltlichen Gebundenheiten transzendiert und eine interkulturelle Vernunft herausgebildet werden?

Ob Habermas der Komplexität interkultureller Diskurse gerecht wird oder aber diese zu sehr idealisiert, werden wir anhand von Malls Darlegungen zu einer interkulturellen Theorie der Vernunft kritisch hinterfragen. Ob Habermas mit der Ausblendung des kommunikativ Unverfügbaren nicht Vernunft übermäßig reduziert, werden wir anhand der diskursiven Bestimmung von Gemeinsamkeiten auf den ersten Blick widersprechenden Begriff des »absoluten Nichts« des japanischen Philosophen Nishida thematisieren. Damit meint Nishida keine überzeitliche Substanz als Grund der Wirklichkeit, sondern das Zusammenspiel verschiedener Wirklichkeitsebenen einschließlich leiblicher und alltäglicher Handlungen. Kann das »absolute Nichts« ein ›relatives Etwas‹ zur philosophischen Frage nach Vernunft im Diskurs zwischen Kulturen und Lebenswelten beitragen?

 

Literatur: Habermas, J. (1988) ›Die Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen‹, in: ders. Nachmetaphysisches Denken. Mall, R. A. (2004) Zur interkulturellen Theorie der Vernunft: Ein Paradigmenwechsel, in: Fulda & Rolf-Peter Horstmann (Hgg) Vernunftbegriffe in der Moderne: Stuttgarter Hegel-Kongreß 1993. Mall, R. A. (2000) ›Interkulturelle Verständigung: Primat der Kommunikation vor dem Konsens?‹, in: F. Benseler et al. (Hgg) Ethik und Sozialwissenschaften: Streitforum für Erwägungskultur, Jg. 11, 3/2000. Nishida, K. (1999) ›Ort‹, in: R. Elberfeld (Übersetzer und Hg.) Der Anfang der Philosophie im modernen Japan. Rorty, R. (2001) Solidarität oder Objektivität? Drei philosophische Essays. Vollständige Literaturangaben unter www.durt.info. Kopiervorlagen stehen bereits im Handapparat in der philosophisch-theologischen Bibliothek. Weitere Literatur wird während des Semesters durch die Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmt.